
So stellte sich Alan Kay das Dynabook vor
Apple hat dem Tablet Computer nicht erfunden. Als geistiger Vater des Konzeptes einer flachen Computer-Tafel darf sich Alan Kay fühlen, der im Jahr 1968 Pläne für ein “Dynabook” zeichnete. Der tragbare Computer sollte nach den Vorstellungen von Kay den Unterricht revolutionieren, kam über die Konzeptstudie nie hinaus.
Nach Kay arbeitete vor allem Microsoft-Mitbegründer Bill Gates über Jahre an dem Konzept eines Tablet-PCs. Auf der Computermesse Comdex 2001 stellte Gates erste Prototypen vor und sagte dem Tablet Computer schon vor etlichen Jahren eine große Zukunft voraus: “Das ist ein PC, der praktisch keine Grenzen kennt. In fünf Jahren wird er die erfolgreichste PC-Art sein, die in Amerika verkauft wird.”

Prototyp eines Tablet-PCs von Compaq auf der Comdex 2001
Doch Gates irrte damit gewaltig. Während die Tablet-Computer der Microsoft-Partner seitdem Jahr für Jahr floppen, scheint nun ausgerechnet Bill Gates Erzrivale Steve Jobs mit dem neuen Tafel-Computer von Apple, dem iPad, der Durchbruch gelungen zu sein. “Es ist großartig, dass wir das iPad gelauncht haben es wird die Spielregeln entscheidend ändern”, triumphierte der Apple-Chef, nachdem am ersten Tag bereits 300 000 Geräte verkauft wurden.
Bislang ist das iPad nur in den USA zu haben. Ende April oder Anfang Mai soll es auch nach Deutschland kommen. Dann werden auch nicht nur die drei WLAN-Versionen zu haben sein, die sich nur im Speicherplatz unterscheiden (16, 32 und 64 Gigabyte Flash-Speicher), sondern auch drei Mobilfunk-Modelle (UMTS).

Mit 680 Gramm ist das iPad kein Leichtgewicht
Beim Test des iPads fällt zuerst das Gewicht auf. Das Gerät wiegt 680 Gramm und liegt damit schwerer in der Hand als erwartet. Daher sollte man mit dem iPad am besten eine bequeme Sitzposition einnehmen oder den Tablet-Computer in eine Docking-Station stecken, die Apple als Zubehör anbietet.
Der Bildschirm des iPads hinterlässt wortwörtlich einen brillanten Eindruck. Videos und Fotos erscheinen auf dem Screen knackig scharf. Im Vergleich zu einem Smartphone wie dem Nexus One oder dem iPod wirkt das Display mit einer Bildschirmdiagonalen von 25 Zentimeter (9,7 Zoll) gigantisch. Die Auflösung beträgt 1024 mal 768 Pixel bei 132 Pixel pro Zoll.
“Das iPad ist kein großer iPod touch der iPod touch ist ein Miniatur-iPad, der das volle Multitouch-Erlebnis einschränkt, um dafür portabler zu sein”, bringt Jacqui Cheng von der renommierten Technik-Webseite “Ars Technica” diesen Eindruck auf den Punkt. Von dem vollen Multitouch-Erlebnis profitieren nicht nur die Foto- und Video-Anwendungen.

HDTV-Serien wie 24 erscheinen auf dem iPad mit schwarzen Streifen
Filmfreunde werden bedauern, dass Apple sich nicht für ein Breitwandformat (16:9), sondern für ein herkömmliches 4:3-Bildseitenverhältnis entschieden hat. So erscheinen bei der Videowiedergabe von Filmen und HDTV-Sendungen oben und unten schwarze Streifen.
Experten von iSuppli haben ein iPad auseinandergenommen und ausgerechnet, dass der berühungsempfindliche Bildschirm mit 99 Dollar Beschaffungskosten über ein Drittel der gesamten Materialkosten von 250 Dollar ausmacht.

Die Bauteile des iPad (Quelle: iFixit)
Dass Apple hier nicht gespart hat, merkt man dem Display an. Es reagiert schnell und präzise auf die Fingereingaben. Und auch die virtuelle Bildschirmtastatur ist recht brauchbar. Bei den Berührungen auf der Bildschirmoberfläche hinterlässt man schon nach kurzer Zeit deutlich sichtbare Fingerabdrücke, die allerdings leicht wieder abgewischt werden können. Leider hat Apple diesmal richtig geknausert und dem iPad kein Tüchlein beigelegt, wie das noch beim iPhone der Fall war.
Zu den Pluspunkten des iPads gehört auch der Akku, der im Dauerbetrieb über zehn Stunden lang durchhält. Da kommt kein Laptop mit. Und auch die meisten Smartphones machen früher schlapp. Kritiker von Apple bemängeln, dass beim iPad (wie auch beim iPod und beim iPhone) die Batterie vom Anwender nicht einfach ausgetauscht werden kann. In diesem Fall läuft diese Kritik allerdings ins Leere, denn das Innere des iPads besteht vor allem aus dem Akku, der den letzten freien Millimeter des Gehäuses ausfüllt und deshalb nur vom Fachpersonal ausgetauscht werden kann.
Wir wissen noch nicht, wie viele Ladevorgänge der iPad-Akku schadlos übersteht und wann er irgendwann mal ausgetauscht werden muss. In den USA hat Apple bereits angekündigt, dass ein Akku-Tausch 99 Dollar kosten wird. Preise für Europa stehen noch nicht fest, werden sich aber vermutlich in einer ähnlichen Größenordnung bewegen.

Der Akku des iPad (Quelle: iFixit)
Das iPad ist als mobile Internet-Maschine entworfen worden. Der eingebaute Webbrowser Safari ruft beeindruckend schnell auch komplexe Webseiten auf. Beim wichtigen Webstandard-Test Acid3 erzielt das iPad volle 100 Punkte. Allerdings weigert Apple sich beharrlich, die Flash-Technologie von Adobe zu unterstützen, die im Web häufig für die Videowiedergabe, interaktive Grafiken oder Online-Spiele verwendet wird.

Online-Videos und interaktive Grafiken auf SPON werden auf dem iPad nicht richtig angezeigt
Wichtige Video-Portale wie YouTube bieten inzwischen alternativ zu Flash auch Seiten in HTML5 an, die vom iPad vernünftig dargestellt werden. Andere Webseiten können dagegen im Extremfall löchrig aussehen wie Schweizer Käse. Apple begründet den verzicht auf Flash mit den Sicherheitslücken, die in der Adobe-Technologie steckten.
Neben dem Browser werden aber auch die anderen Apps häufig Internet-Anwendungen sei. So haben Medien-Unternehmen wie die Nachrichtenagenturen Thompson-Reuters und AP, Verlage wie Axel Springer oder Rundfunksender wie die BBC eigene Apps für das iPad veröffentlicht, mit denen Inhalte über das Internet auf das iPad geladen werden.
In der Talkshow “Charlie Rose” im US-Fernsehen zeigte sich der Vorstandschef der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, begeistert vom iPad: “Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.”
Mathias Döpfner, Chairman & CEO, Axel Springer
Das vollständige Interview findet man hier: Charlie Rose speeks with Mathias Döpfner, Chairman & CEO, Axel Springer
Die erste Anwendung des Springer-Verlags, iKiosk, lässt aber noch viel Raum für Verbesserungen. So bieten die digitalen Ausgaben der WELT und der WELT AM SONNTAG kaum mehr als ein PDF-Dokument. Wenn das iPad sich zum Retter der Verlage entwickeln soll, müssen die Anwendungen attraktiver sein als das “iKiosk”. In welche Richtung die Reise gehen könne, kann man bei den News-Anwednungen der BBC, USA Today und bei Thompson-Reuters sehen.
Im Vorfeld des iPad-Startes wurde intensiv diskutiert, ob das iPad auch den Markt der elektronischen Bücher (E-Books) umkrempeln wird. In den USA können die iPad-Anwender im iTunes App Store von Apple die Anwendung iBooks herunterladen, die das iPad in einen E-Book-Reader verwandelt. Für Deutschland fehlen Apple allerdings noch die notwendigen Vereinbarungen mit den Buchverlagen, so dass mit einem deutschen iTunes-Konto die iBook-App noch nicht heruntergeladen kann.
Apple möchte das iPad aber nicht nur als mobile Unterhaltungsmaschine positionieren. Im iTunes App Store stehen deshalb auch spezielle Versionen der Office-Suite iWorks bereit, mit der man auf dem Tafel-Computer Präsentationen gestalten und vorführen kann – oder Tabellen berechnen und Text-Dokumente schreiben. “Das iPad ist aber kein Laptop-Ersatz”, schreibt Engadget-Chefredakteur Joshua Topolsky und fügt hinzu: “Noch nicht.”
Ob das iPad nun tatsächlich die Computerwelt revolutionieren wird, wie Apple-Chef Steve Jobs vollmundig verspricht, wird sich noch herausstellen. Tim O’Reilly, der Gründer von und Erfinder des Begriffs “Web 2.0″, sieht mit dem iPad nicht nur das Ende der Ära der Computer-Maus gekommen, sondern auch umwälzende Änderungen beim Zugriff auf Computer-Programme. “Das iPad signalisiert mehr als das Ende des PC-Zeitalters. Es zeigt, dass der App-Store, der erste wirkliche Rivale des Webs als die derzeit wichtigste Anwendungsplattform, nicht auf die Smartphones begrenzt sein wird.”